Musikschulen und offene Ganztagsschulen in NRW
von Volker Gerland, Andreas Genschel und Eva Dämmer (Landesverband der Musikschulen in NRW e.V.)

Der Runderlass des Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder vom 12. Februar 2003 schickte zu Beginn des Schuljahres 2003/2004 insgesamt 234 offene Ganztagsschulen mit Ganztagsplätzen für ca. 12.000 Kinder an den Start.
Die Anlage des offenen Konzepts sah von Anfang an den Einbezug außerschulischer Partner vor:
„Die offene Ganztagsschule bietet zusätzlich zum planmäßigen Unterricht an Unterrichtstagen, an unterrichtsfreien Tagen und bei Bedarf in den Ferien Angebote außerhalb der Unterrichtszeit […]. In Kooperation mit einer Vielzahl von Partnern, insbesondere aus der Kinder- und Jugendhilfe, des Sports und der Kultur soll sie zur Erfüllung des Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsauftrags eine entsprechende Förderung für alle Kinder […] ermöglichen.“ (Runderlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung 2006:1)

Im Rahmen des Entwicklungskonzeptes ‚Musikschule 2000‘ hatten die öffentlichen Musikschulen in NRW zu diesem Zeitpunkt bereits wichtige Schritte zur verstärkten Kooperation mit anderen Bildungsträgern eingeleitet. In landesweiten Modellversuchen und durch örtliche Initiativen waren didaktische Grundlagen und methodische Formen der Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und Musikschulen in der Diskussion und Erprobung. Der Boden war also bereitet.

Schon am 18. Juli 2003 schlossen das Ministerium für Schule, Jugend und Kinder (MSJK), das Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport (MSWKS) des Landes Nordrhein-Westfalen, der Landesmusikrat (LMR) und der Landesverband der Musikschulen (LVdM) eine Rahmenvereinbarung über die Zusammenarbeit in und mit Offenen Ganztagsschulen.
Gemeinsames Ziel war und ist es, die musisch-kulturelle Bildung in den Schulen durch musikpädagogische und insbesondere musikpraktische Angebote so zu ergänzen, dass jedes Kind seine musikalischen Fähigkeiten entdecken, erfahren und entfalten kann.

Auf der Grundlage der Rahmenvereinbarung aus dem Jahr 2003, der Neuauflage von 2012 sowie musikpädagogischer Konzepte, die vom Landesverband der Musikschulen erarbeitet und in den Mitgliedsschulen vor Ort stetig weiterentwickelt wurden, sind in den über 10 Jahren seit Einführung der Offenen Ganztagsschule zahlreiche Modelle entstanden, die Kindern in der Schule vielfältige Möglichkeiten des aktiven Musizierens eröffnen.

Zu nennen sind hier vor Ort entwickelte und bis heute erfolgreich durchgeführte Modelle und Programme wie

·        „JEKISS – Jedem Kind seine Stimme“ (aus Münster),

·        „JeKi-Sti – Jedem Kind seine Stimme“ (in Neuss),

·        „MoMo – Monheimer Modell“ (aus Monheim)

sowie insbesondere natürlich auch

·        „JeKi – Jedem Kind ein Instrument“(2003 in Bochum entwickelt, 2007 im Ruhrgebiet eingeführt)

und das ab 2015 schließlich als modifiziertes Nachfolgeprogramm von „JeKi“ auf ganz NRW ausgeweitete Landesprogramm

·        „JeKits – Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen“.

Darüber hinaus existieren noch viele weitere Formen der Zusammenarbeit zwischen Musikschulen und Offenen Ganztagsschulen, die speziell auf die Gegebenheiten vor Ort ausgerichtet sind und ganz unterschiedliche Ausrichtungen und inhaltliche Schwerpunkte aufweisen. (Siehe auch www.bildungspartner.nrw.debzw. www.musikschule.schulministerium.nrw.de)

Für die öffentlichen Musikschulen hat sich durch die enge Zusammenarbeit mit den Offenen Ganztagsschulen eine schon lange anstrebte soziale Verbreiterung der Zielgruppe, eine noch stärkere Positionierung als Bildungspartner, eine Erweiterung der Kompetenzen der Lehrkräfte sowie auch eine Erweiterung des Angebotsprofils ergeben.
Die Kooperation mit Schulen ist längst zum selbstverständlichen Bestandteil der Arbeit öffentlicher Musikschulen geworden.

Durch die Kooperation mit der Musikschule vor Ort ermöglichen die Offenen Ganztagsschulen ihren Schülerinnen und Schülern eine zusätzliche musikpädagogische Förderung, die sonst, als außerschulisches Angebot, vielen Kindern verwehrt bliebe. Überdies erleben die Schulen das regelmäßige aktive Musizieren der Schülerinnen und Schüler als Bereicherung des gesamten Schullebens.

Für Familien bringt die Einbeziehung von musikpraktischen Bildungsangeboten in den Schulalltag eine zeitliche Entlastung im Alltag mit sich, und Eltern schätzen sehr, dass die Kinder in der Schule die Möglichkeit erhalten, sich im aktiven Musizieren auszuprobieren und die Musik möglicherweise für sich zu entdecken. Nicht sie müssen sich in der Musikschule über Möglichkeiten der musikalischen Förderung informieren, sondern die Musikschule kommt ganz selbstverständlich und unmittelbar in der Schule auf sie zu.

Entsprechend der offenen Anlage der OGS sind, ausgehend von diesen Grundlagen, in der praktischen Arbeit vor Ort sehr unterschiedliche Erfahrungen mit verschiedenen Modellen und Ausprägungen gemacht worden.

Neben vielen positiven Beispielen gibt es auch zahlreiche Musikschulen, die beklagen, dass Angebote, die aufgrund ihrer Qualität ihren Preis haben, häufig als ‚zu teuer‘ abgelehnt werden. Dies ist bedauerlich, da musikpädagogische Bildungsarbeit, wie sie öffentliche Musikschulen zu leisten vermögen, Mindeststandards voraussetzt und nicht durch beliebige Billigangebote ersetzt werden kann.

Aus Sicht der erfolgreichen Musikschulen lassen sich einige Erfahrungen formulieren:

·       Es klappt, wenn die Chemie vor Ort stimmt, organisatorische Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden und die Qualität der Zusammenarbeit regelmäßig überprüft und gewährleistet wird.

·       Es klappt besser, wenn die Schule und der Ganztagsträger an einem Strang ziehen, insbesondere, wenn die Rhythmisierung des Schultags flexible Zeitfenster öffnet, in die sich Angebote von Musikschulen einpassen können.

·       Es klappt noch besser, wenn die Bedürfnisse und Interessen der Kinder in Einklang mit den Blickwinkeln und Erwartungen der Eltern, der Lehr- und Fachkräfte von Schule und Musikschule stehen.

Gerade der letzte Punkt stellt zusätzliche Anforderungen an die Ausgestaltung der Angebote, die einem musikpädagogischen Bildungsanspruch verpflichtet sein müssen und unter partizipativen Aspekten konzeptioniert sowie in den Ganztagsbetrieb eingepasst sein sollen.

Die öffentlichen Musikschulen stellen sich ihrer Verantwortung zur Mitgestaltung und Bewältigung gesellschaftlicher Prozesse und Aufgaben. Als verlässliche Bildungspartner der Schulen gestalten sie das Schulleben vor Ort aktiv mit und arbeiten mit den Schulen gemeinsam an der Weiterentwicklung bestehender Konzepte und Programme.

Der Landesverband der Musikschulen in NRW (LVdM) unterstützt und begleitet diese Entwicklungen durch regelmäßigen Austausch innerhalb des eigenen Verbandes, mit anderen Fachverbänden und den zuständigen Ministerien sowie mit Veröffentlichungen zum Thema.
 

Literatur und Links:

Stand Dezember 2016
Text zum Download (pdf, 225 KB)

AnhangGröße
Rahmenvereinbarung_Ganztag_Musik_2012.pdf112.09 KB
Musikschulen und offene Ganztagsschulen in NRW.pdf224.83 KB
Vereinbarung_OGTGS_2003.pdf77.9 KB
Rahmenvereinbarung_Ganztag_Musik_2017_MSW-MFKJKS-LMR-LVdM.pdf124.43 KB
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